Inas Kolumne: Kinder und Kapitäne zuerst? – Verantwortung versus Egoismus
Vertrauen verpflichtet – nach diesem Prinzip handeln all diejenigen, denen der Beruf auch Berufung ist, alle, die täglich Verantwortung für Menschenleben tragen; Ärzte, Polizeibeamte, Feuerwehrmänner und selbstverständlich auch die Kapitäne der Schiffe, die die Meere unserer Welt überqueren. So die sichere Gewissheit all jener, die sich für ihren Urlaub immer wieder gern der Besatzung und dem Kapitän mondäner und sicherer Kreuzfahrtschiffe anvertrauen.
Nun müssen wir entsetzt erfahren, dass es auch von dieser Regel eine Ausnahme gibt; Kapitän Francesco Schettino. Der setzt sich – zufällig zeitgleich mit seinen Offizieren – ab und beobachtet den Überlebenskampf der 4.200 Passagiere seines Schiffes aus sicherer Entfernung. Die Bilanz; bisher mindestens 11 Tote und 21 Vermisste. Und wir fragen uns ganz besorgt, wie das denn passieren konnte, erwarten eine Erklärung und sehen verblüfft, dass Mr. Schettino noch nicht einmal dazu steht, dass er kläglich versagt hat. Stattdessen verhöhnt er seine Opfer mit dem Märchen, er sei ausgerutscht und rein zufällig in die Rettungsinsel gefallen. Synchron-Rutschen mit seinen Offizieren? Denn die saßen statt der Passagiere mit im Boot. Wer soll das denn glauben? Und warum hat der Kapitän sich geweigert, auf das Schiff zurück zu kehren, um die Rettungsarbeiten von dieser Stelle aus zu koordinieren und notwendige Informationen zu liefern? Trauriges Fazit; das von den Passagieren in Mr. Schettino gesetzte Vertrauen war nicht gerechtfertigt, einige Gäste der „Costa Concordia“ bezahlten dieses Vertrauen mit ihrem Leben. Denn das Unglück wäre vermeidbar gewesen, die Route des Schiffes führte gar nicht so dicht an der Insel und den Klippen vorbei. Die Abweichung von der Route in Begleitung einer jungen schönen Frau als er das Kreuzfahrtschiff auf das Riff steuerte war ebenfalls ein ganz privater Spaß des Kapitäns.
Mitten in der Sorge um die Vermissten und der Trauer um die Opfer beobachten Journalisten weltweit, dass jemand anderes Verantwortung übernommen hat; ein Team aus jungen italienischen Wissenschaftlern, die als Spezial-Taucher täglich ihr eigenes Leben riskieren, indem sie wieder und wieder in das unübersichtliche und absturzgefährdete Frack des Kreuzfahrtschiffes steigen, um die Vermissten zu bergen. Sie machen keine große Sache daraus, sagen den Journalisten in knappen Interviews „Das ist unser Job.“ und brechen zum nächsten Tauchgang auf. Diesen Männern gehört mein Respekt, vor ihnen ziehe ich dankbar meinen imaginären Hut. Sie sind die wahren Helden dieses Unglücks, auch wenn kaum noch Hoffnung besteht, Überlebende zu finden.
Mr. Schettino wünsche ich, dass er die Fernsehberichte über die Bergung der Opfer sieht und dass dies ihm auf die Sprünge hilft, damit er sein eigenes Verhalten während dieser Katastrophe vielleicht künftig etwas selbstkritischer – und vor allem ehrlicher – reflektieren wird. Zumindest das ist er m. E. den Opfern schuldig.
Inas Kolumne erscheint ab sofort wöchentlich. Ina Simon arbeitet als Mediatorin und freie Journalistin in Dresden. Ihre Tätigkeitsschwerpunkt liegt in der Wirtschaftsmediation und Familienmediation. praxis@ina-simon.de



